Im Jahr 1248 platzte dem Fürsten Isidor fast der Kragen. Immer wieder zogen große Heerscharen durch Tiefenbacher Ländereien, um die Region gegen vermeintliche Eindringlinge zu verteidigen. Dabei vergaßen sie natürlich nicht, den armen Tiefenbacher Bauern zum Wohle aller und für den Kaiser die Vorräte abzunehmen. Bei diesen Gelegenheiten wurden den Bauern wichtig aussehende Schriftstücke gezeigt, welche die Truppen legitimierten, sich am Tiefenbacher Volk schadlos zu halten.
Als dem Fürsten eines Tages eins dieser Schriftstücke in die Hände
gelangte stellte er fest, dass es sich dabei um die Gebrauchsanleitung
einer Dose Stiefelfett handelte und seine treuen Untertanen über Jahre
hinweg zum Narren gehalten wurden. Fürst Isidor war jedoch seinen
Untertanen fast immer ein guter Herrscher und so beschloss er, als
erster Fürst seinem Volk die nötige Bildung zukommen zu lassen und die
erste allgemein zugängliche Universität zu errichten. Und so legte Fürst
Isidor von Hohenniederwasserbachlauf in einem Dezember irgendwann
zwischen 1248 und 1252 den Grundstein zur Freigemauerten Universität
Tiefenbach.
Zwar lässt sich das Jahr nicht mehr genau ermitteln, aber es muss im
Dezember gewesen sein, denn die alten Urkunden zitieren den Fürsten
während seiner Rede zur Grundsteinlegung mit den Worten:
»Warum muss ich mir hier eigentlich die Eier bei einer
Grundsteinlegung abfrieren, während andere sich die Weihnachtsgans
schmecken lassen?«
Von diesem Moment an war es vorbei mit dem Durchzug der fremden Heere,
denn die Tiefenbacher besaßen nun die wichtigste Waffe dieser Zeit: das
Lesevermögen.
Allerdings stand Tiefenbach jetzt vor einem anderen Problem: Kaiser,
Könige und fremde Fürsten zeigten sich nicht sehr erfreut über die
Einbußen an Geld und Lebensmittel und beschlossen Krieg gegen Tiefenbach
zu führen. Da die Tiefenbacher aber ein friedliebendes, fast schon
pazifistisches Völkchen waren und traditionell nur über eine stehende
Armee von 2 Dutzend Männern verfügten, setzten sich die klügsten Köpfe
der Stadt zusammen und beratschlagten, was nun zu tun sei.
Ein richtiger Krieg, so bemerkte der alte Rödelgund, käme gar nicht in
Frage. Tiefenbach sei schließlich ein kleines Städtchen und hätte ja gar
keinen Platz für tausende von Gefangenen. Von den sanitären
Einrichtungen, die eine solche Menge Gefangener erfordere einmal ganz
abgesehen. Die Sickergruben und Plumsklos würden ja die Stadtgrenzen
sprengen.
Da erhob sich Tiefenbachs einziger Eremit und anerkannter Straßengrabenphilosoph, der verrückte Wolkschütz, und verkündete:
»Die Tiefenbacher sollen sein ein Volk von Schneidern und Schildermalern!«.
Sprachs und schlief wieder sanft schnarchend ein.
Die Senatoren und Gelehrten diskutierten nun stundenlang darüber, was
Wolkschütz wohl damit gemeint habe. Der Eremit selbst ließ sich jedoch
nicht aufwecken und befragen, was zweifellos mit dem Genuss seines
eigenen Produkts zu tun hatte, denn Wolkschütz war ein bekannter
Schwarzbrenner, dessen Schnäpse jedoch bei den Tiefenbachern weniger
wegen des Geschmacks beliebt waren, als viel mehr wegen der Fähigkeit,
selbst hartnäckigste Flecken aus Kleidung und sogar den Rost von Eisen
entfernen zu können.
Als die Weisen Tiefenbachs nun gar nicht mehr weiter wussten, zogen sie
schließlich die Gelehrten der Freigemauerten Universität zu Rate und der
Dozent der Fakultät für kontraproduktive Philosophie, Kuddel Kopfweich,
deutete die Weisheit des Eremiten wie folgt:
»Malet Hinweisschilder nach Tiefenbach und führt den Feind einen
falschen Pfad. Kleidet Euch wie seinesgleichen und führt ihn zu den
Babbelköppen!«
Und so geschah es, dass nur wenige Tage später der Herzog von
Braunschweig seine Truppen entsandte und auf Hinweisschilder stieß, die
ihm den Weg in Richtung Tiefenbach wiesen. Er folgte diesen Schildern
und traf auf einen Trupp Soldaten, welcher die Uniform seiner Truppen
trug und ihm zur Kenntnis brachte, dass die Stadt Tiefenbach nur 3 Tage
in südlicher Richtung liege, sofern er stramm durchmarschiere.
Nichts ahnend, dass er gerade der gesamten stehenden Armee Tiefenbachs
begegnet war, spornte der Herzog seine Truppen an und erreichte nach 3
Tagen... Kassel. Das war der Beginn des ersten Kriegs zwischen den
Herzogtümern Kassel und Braunschweig. Und während dieser
Krieg erbittert tobte, nahm in Tiefenbach wieder das Leben seinen gewohnten Gang.
Auch in den folgenden Jahrhunderten nutzten die Tiefenbacher ihr Talent,
um sich vor kriegerischen Auseinandersetzungen zu drücken. So ließen
sie beispielsweise den Baron von Bärstamm so lange weiträumig um
Tiefenbach kreisen, bis er sich, dem Wahnsinn verfallen und hysterisch
schluchzend, seiner Kleider entledigte und nackt über eine Wiese tobend
immer wieder ausrief »Es gibt das Örtchen Tiefenbach, nur fand ich
keinen tiefen Bach...«
Von diesem Glanzstück stammt auch die berühmte Redewendung ab, jemanden in die Irre zu führen.