Tja, die Tiefenbacher und die Religion, das war schon immer ein heikles Thema. Prinzipiell glauben fast alle Tiefenbacher an Gott, allerdings glauben sie nicht an die Kirche. Die Tiefenbacher denken in dieser Hinsicht pragmatisch:
Warum sollen sie Missionaren, Bischöfen und ähnlichen geistlichen Würdenträgern ihr schwer verdientes Geld in den Rachen werfen, wenn sie das Beten und Singen trotzdem selbst besorgen müssen?
Entsprechend schlecht bestellt war es auch um das Gelände, auf dem die Kirche sich befand. Ein wandernder Mönch fragte einen Tiefenbacher einmal, warum auf dem Kirchplatz Gras und Unkraut wucherten und niemand etwas dagegen unternähme. Als Antwort erklärte man ihm, dass man die Kirche für Gott gebaut hätte und wenn er Wert auf ein gepflegtes Grundstück legen würde, würde er schon dafür sorgen, dass der Rasen gemäht wird.
Diese Meinung verstärkte sich, als im Jahr 1367 Gott in Tiefenbach Einzug hielt. Naja, eigentlich hielt er nicht direkt Einzug. Vielmehr schlurfte in dem Jahr ein alter Mann mit weißem Rauschebart und fast noch weißer Tunika auf den Vorplatz der Kirche und fragte, ob es sich um das hiesige Gotteshaus handele. Der Küster, welcher sich gerade aus dem Dickicht des Kirchenrasens hervorkämpfte, in dem er zuvor 8 Tage völlig orientierungslos herumgeirrt war antworte wahrheitsgemäß mit ja, worauf der alte Mann erklärte:
»WENN DAS EUER GOTTESHAUS IST, ZIEHE ICH DORT JETZT EIN, DENN ICH BIN EUER GOTT.«
Und mit diesen Worten schlurfte er in die Kirche und hängte wenig später ein Schild auf, auf dem zu lesen war:
»Ich bin Gott, euer Herr und stehe euch zu den üblichen Sprechzeiten sonntags zwischen 10:00 und 12:00 Uhr zur Verfügung. Mir egal ob wer kommt oder nicht. Halleluja und Amen, Gott.«
Dann schlurfte er zurück in die Kirche, kam mit einer Sense wieder heraus und begann damit, den Rasen zu mähen. Die Tiefenbacher waren zwar zunächst etwas verwundert, aber sie ließen den alten Mann gewähren. Zum ersten hielten sie es für unangebracht, von Gott zu fordern, einen Beweis zu erbringen, dass er wirklich er ist, zum anderen mähte er ja schließlich alle 14 Tage den Rasen ohne Bezahlung. So gingen 112 Jahre ins Land und der alte Mann war um keinen Tag gealtert und mähte immer noch fleißig den Rasen. Also beschlossen die Tiefenbacher Senatoren sich ein Herz zu fassen, zur Kirche zu gehen, dem älteren Herren seine Göttlichkeit zu bestätigen und bei der Gelegenheit gleich zu fragen, was ihn ausgerechnet nach Tiefenbach treibt. Und Gott antwortete:
»Egal wo ich hinkomme ist es das Gleiche. Alle bitten mich um Wunder oder ich soll Ungläubige bestrafen, Ketzer mit Blitzen erschlagen oder nette alte Damen ersaufen lassen, weil sie eine Warze auf der Nase haben. Es werden Kriege in meinem Namen geführt, die ich nie erklärt habe, Steuern in meinem Namen erhoben, von denen ich nie auch nur einen Taler sehe und wenn ich einen Propheten beauftrage, diese Dinge einmal richtig zu stellen, landet er auf dem Scheiterhaufen.
Nur in Tiefenbach herrscht immer himmlische Ruhe. Die Menschen beten hin und wieder zu mir, aber sie fordern nicht. Die größte Bitte eines Tiefenbachers war bisher die des alten Küsters vor 112 Jahren. Er betete "Lieber Gott, mähe diesen Rasen, auf das ich den Weg nach Hause finde". Von der Bescheidenheit dieses Gebets war ich so beeindruckt, dass ich beschloss, mich hier niederzulassen.
Übrigens, das Dach der Kirche ist undicht. Es wäre nett, wenn mal jemand etwas dagegen unternehmen könnte.«
Im Laufe der Jahre lebte der liebe Gott sich in Tiefenbach ein seine wöchentlichen Sprechstunden waren immer gut besucht. Doch auch die Tiefenbacher sind natürlich nicht ohne Sorge und als eines Tages der Holzfäller Ferdinand Fällbaum ihm klagte, dass seine Frau ihm immer nur Zwieback, Marmorkuchen und Kekse vorsetze und er unter dieser trockenen Nahrung leide, beschloss Gott, endlich wieder mildtätig und mitfühlend tätig zu werden. Und so antwortete er dem armen Holzfäller
»Ich werde ein Gebot extra für Dich erlassen. Hast Du zufällig eine Steintafel dabei?«
Die hatte der gute Ferdinand natürlich nicht, aber ein eiligst vom Friedhof organisierter Grabstein gab, nicht ohne Bedenken Gottes natürlich, auch eine gute Steintafel ab. Und so entstand das erste individuelle Zusatzgebot:
Du sollst nichts essen, was beim Hineinbeißen staubt!
Und als Gott sah, wie gut es dem armen Holzfäller nun ging, erweiterte er seit vielen Jahren das erste Mal sein Türschild um die Worte:
Individuelle Gebote für jeden Tiefenbacher kostenlos.
Bitte bringen Sie eigene Steintafeln mit, Finger weg von den Grabsteinen!
Seit diesem Tag stehen die Tiefenbacher unter besonderem göttlichen Schutz. Nur einmal noch versuchte der Klerus dort Kirchensteuer einzutreiben, das war im Jahre 1614. Als der Senat dem angereisten Steuereintreiber klar machte, dass die Tiefenbacher nicht bereit wären, auch nur eine Münze Kirchensteuer zu zahlen, betitelte sie der Würdenträger mit dem Satz
»Ihr Tiefenbacher seid ein gottloses Volk. Der Herr wird euch dafür strafen!«
Doch kaum hatte er den Satz ausgesprochen, als sich der Himmel verdunkelte, schwarze Wolken am Himmel heraufzogen und eine tiefe, infernalisch laute Stimme sprach:
»GAR NICHT WAHR!«
Das war das letzte Mal, dass sich ein Vertreter eines Glaubens in Tiefenbach sehen ließ.
So weit der Blick in die Vergangenheit.
Die heutigen Tiefenbacher sind zwar wesentlich moderner geworden, doch schaffen sie es immer noch, sich aus jeder brenzligen Situation und jeder Bedrohung durch religiöse Ränkeschmiede herauszuhalten.
Und der alte Mann mäht noch immer den Rasen vor der Kirche...
Aufgenommen: Okt 25, 11:55